Zwischen Künstler und Werk zu trennen ist eine persönliche Angelegenheit – Ein Kommentar

Es ist lange her, seitdem ich zum letzten Mal etwas auf meiner Website geschrieben habe, weil sich in mir schon eine ganze Weile kein Thema mehr festgesetzt hat, zu dem ich etwas wichtiges zu sagen hatte. Oft lag es auch daran, dass ich nicht die richtigen Worte fand. Doch mit der Oscarzeit im vollen Gange, prasseln aus der Traumfabrik Hollywood so viele Kontroversen, wie schon lange nicht mehr auf uns ein, was mich zu einer größeren Fragestellung geführt hat: Kann man zwischen dem Künstler uns seinen Werken trennen? Diese Frage versuche ich heute zu beantworten.

Wir kennen das alle. Ein Mensch zu dem wir aufsehen, jemand, den wir für seine Kreativität und Brillanz schätzen, gerät aufgrund kontroverser Taten oder Äußerungen in die Kritik. Dieser jemand könnte dein lustiger Onkel, ein berühmter Sportler oder dein Lieblingsschauspieler sein. Viele Menschen neigen dann zu einem simplen Abwehrreflex, diese Vorwürfe zu verharmlosen, zu ignorieren oder zu leugnen. Auch ich bin davor nicht gefeit. Wer gibt schon gerne zu, jemanden bewundert zu haben, der dann doch nicht so großartig zu sein scheint, wie man dachte? Man fühlt sich verraten und um schöne Erinnerungen betrogen.

Ich bin ja so ein Typ, der sich dann fragt, wie man am besten mit so einer Situation umgeht. Speziell als Filmfan, möchte man natürlich, als offen denkender Mensch, ein möglichst verantwortungsvoller Kinogänger sein, doch heutzutage ist das gar nicht mehr so einfach. In Zeiten von „Me Too“ und „Times Up“ kommen immer mehr unbequeme Wahrheiten, über Schauspieler, Regisseure und Produzenten ans Licht, die ganze Karrieren zu Fall bringen können. Meistens auch zurecht. Aktuellstes Beispiel ist der Regisseur des gefeierten Queen-Biopics Bohemian Rhapsody Bryan Singer. Der 53-jährige wurde schon mehrfach des sexuellen Missbrauchs von mehreren jungen Männern beschuldigt. Diese Vorfälle sollen ungefähr 20 Jahre zurückliegen und solche Vorwürfe sind schon über Jahre hinweg bekannt. Heute distanziert sich Hauptdarsteller Rami Malek, der für seine Darstellung des Queen-Frontmannes Freddy Mercury für einen Oscar nominiert ist, von dem umstrittenen Regisseur, mit dem er am Set aneinander geraten sein soll. Singer wurde kurz vor Abschluss der Dreharbeiten gefeuert, da er mehrfach unentschuldigt gefehlt haben soll.

Bryan Singer wird seitdem in der Oscarkampagne von Bohemian Rhapsody komplett außen vor gelassen. Doch sein Input zu dem Musikfilm kann auch nicht abgestritten werden, auch wenn man das gerne tun möchte. Und was ist mit all den Schauspielern und Produzenten, die von den langjährigen Anschuldigungen gewusst haben mussten, nur um jetzt das Problem totzuschweigen. Es ist eine verquere Situation in der sich Bohemian Rhapsody befindet. Der Film soll eine inspirierende Geschichte über den legendären Rockstar Freddy Mercury erzählen, der sein Leben lang, in einer heteronormativen Welt, mit seiner Homosexualität klarkommen musste und wird jetzt durch die schwerwiegenden Vorwürfe in schlechtes Licht gerückt. Verständlicherweise.

Doch sollte das so sein? Wie kann man zwischen einem Kunstwerk und den Menschen vor und hinter der Kamera trennen? Muss man das überhaupt? Oder kann man beides einzeln bewerten? Die Antwort, die ich euch geben kann, ist nicht definitiv. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Filme man unterstützt, in dem man für sie bezahlt. Für manche mag Mel Gibson zum Beispiel ein No-Go sein (aufgrund antisemitischer Äußerungen und häuslicher Gewalt), für mich liegt er aber gerade noch(!) innerhalb der Grenze des Erträglichen. Ich bin für zweite Chancen und Gibson scheint sich zum Besseren entwickelt zu haben, nachdem er in Hollywood über Jahre gemieden wurde. Vielleicht täusche ich mich auch und die Tatsache, dass er sich nicht für seine Fehler entschuldigt, sondern immer wieder Ausflüchte sucht, macht mich auch skeptisch. Fakt ist aber, dass Mel Gibson ein herausragender Filmemacher ist und ein charismatischer Schauspieler. Und um Ehrlich zu sein, finde ich vor allem seine Regiearbeiten ausnahmslos gut und das überwiegt für mich im Moment noch. Natürlich hängt das auch davon ab, welche Botschaften in diesen Filmen transportiert werden.

Ein gutes Beispiel für jemanden, bei dem es mir schwerfällt, zwischen Regisseur und Film zu trennen, ist Roman Polanski. Wie kann ich die Filme eines Mannes schauen, der seit über 40 Jahren in den USA, wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen gesucht wird. Das Opfer war damals 13 Jahre alt. Falls ihr das nicht wusstet, er saß deswegen in Untersuchungshaft und hat sich schuldig bekannt, weswegen er aus Angst vor einer längeren Haftstrafe außer Landes floh. Erst 2018(!) wurde er aus der Filmakademie der Oscars ausgeschlossen. Bis heute arbeiten noch zahlreiche Schauspieler mit Polanski zusammen. Er gewann 2002 den Oscar für die beste Regie für Der Pianist, ein Holocaustdrama, das viele wichtige Dinge zu sagen hatte und konnte, wegen des bestehenden Haftbefehls in den USA, den Preis nicht persönlich entgegennehmen. Polanski wurde 2017 von einer weiteren Frau der Vergewaltigung beschuldigt. Filme wie Chinatown oder Rosemarys Baby sind selbst heute noch zeitlose Klassiker. Doch wenn man all diese Dinge über deren Regisseur weiß, ist es schwer das Kunstwerk unbefangen zu betrachten. Manchen gelingt es, manchen nicht. Und ich kann es beiden Seiten nicht übel nehmen.

Auszuloten, ob man ein Kunstwerk von seinem Schöpfer oder seiner Schöpferin getrennt bewertet, ist eine zutiefst persönliche Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen sollte. Es ist auch wichtig, die Entscheidung anderer Menschen, welche Filme sie sehen oder nicht sehen wollen, zu respektieren, auch wenn sie mit den eigenen Vorstellungen nicht einhergehen. Es ist ein schwieriges Thema, aber irgendwie muss man damit umgehen können. Jedenfalls wenn man ein rücksichtsvoller Kinogänger sein will. So wie ich.

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